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Wir sind nur Verwalter

Der jüdische Rabbi Meir saß eines Tages im Hörsaal und hielt einen Vortrag. Während dieser Zeit starben seine zwei Söhne.

Seine Frau legte ein Tuch über sie, und als am Ende des Sabbats der Rabbi nach Hause kam und sich nach den beiden Söhnen erkundigte, sprach die Mutter: »Sie sind unterwegs!« Dann trug sie ihrem Mann Speise auf, und nachdem der Rabbi gegessen hatte, sagte er abermals zu seiner Frau: »Wo sind nun meine beiden Söhne - unterwegs wohin?«

Die Frau antwortete: »Vor langer Zeit kam ein Mann und gab mir etwas zum Aufbewahren. Jetzt kam er wieder, um es abzuholen. Ich habe es ihm gegeben. War das richtig, Rabbi, so zu handeln?«

Meister Meir sagte: »Wer etwas zum Aufbewahren erhalten hat, muss es seinem Eigentümer zurückgeben, wann immer dieser es zurückhaben möchte.«

»Genau das habe ich getan«, sagte die Mutter der beiden Söhne. -

Dann führte sie den Rabbi hinauf ins Obergemach, zog das Bettuch weg und zeigte ihm die Toten ...

Da fing der Rabbi an zu weinen.  Seine Frau fasste ihn am Arm und sprach: »Rabbi, du hast mir doch gesagt, dass wir das Aufbewahrte seinem Eigentümer zurückgeben müssen, wann immer er es zurückhaben möchte!?«

Da sah der Rabbi ein, dass seine Frau recht hatte, und er hörte auf, über den Tod seiner Söhne zu weinen.

(aus Kurzgeschichten 1 – Willi Hoffsümmer)